Geschichtsverein Setterich e.V.
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Die neugotische Hallenkirche

Erscheinung und Schicksal (1863 - 1944)

Die 1863 an der Ecke Hauptstr. / An der Burg - etwa dort, wo sich die heutige Kirche befindet - errichtete neugotische Hallenkirche besaß einen Turm, der 42 Meter hoch gewesen sein soll. Er stand unmittelbar an der Hauptstraße. Durch seinen ebenfalls an der Hauptstraße gelegenen Eingang trat man in die Kirche ein. In die Sandsteinsäulen, die das Portal der Kirche flankierten, hatten im Laufe der Zeit Kinder mit Nägeln Löcher gebohrt. In diesen legten einige die Messe besuchende Männer die Stummel ihrer Zigarren oder Zigaretten ab, um sie nach der Messe in einer Pfeife weiterzurauchen. Gelegentlich soll ein Lovericher mit dem Spitznamen "Pien Däng" während der Messe die Stummeln stibitzt haben - bis man ihn ertappte und mit einer Abreibung sein Tun unterband. Über dem Portal befand sich eine Rosette (Buntglasfenster in Rosenform). Über ihr kündete seit dem Jahre 1889 die für 800 Mark erworbene Kirchturmuhr die Zeit. Sie wies römische Ziffern auf und schlug jede volle Stunde (mit einem Hammer an eine der Kirchenglocken). Wartung und Reparatur der Kirchturmuhr oblag dem Mann mit der in Setterich längsten Berufsbezeichnung: "Kirchturmuhrmachermeistermonteur" Johann Strauch, genannt "Et Strüßje". Ihren Antrieb erhielt die Uhr von Gewichten (vergleichbar einer alten Stand- oder Kuckucksuhr), die regelmäßig mit einem Schwengel aufzuziehen waren. Zusätzlich erschallte mit jeweils einer Glocke um 6.00 Uhr das Morgenläuten, das die Bauern zum Aufstehen rief. Das Mittagsläuten um 12.00 Uhr war bis ins Feld zu hören und ließ die Feldarbeiten zum Mittagessen unterbrechen. Das Abendläuten um 19.00 Uhr zeigte den Kindern an, dass es bis zum Schlafengehen nicht mehr weit war. Landwirt Peter Höppener berichtete, dass er als junger Mann auf Bitte des Küsters das Mittagsläuten übernahm. An der Schmiedstraße traf er die aus dem Feld heimkehrenden Knechte der Burg, die sich ihm zum Läuten anschlossen. Vor lauter Übermut wurde kräftig an den Seilen aller Glocken gezogen und es ertönte ein Geläute, als brenne es oder der Feind sei im Anmarsch. Erst der auf dem Rad herbeieilende Küster beendete das rund viertelstündige Sturmläuten. Mit der Bemerkung "Das war für das Läuten" fing sich Peter Höppener später einige Kinnhaken von Pastor Haller ein. Im Glockenstuhl hielten sich zahlreiche Eulen auf. In deren Brutzeit war es gefährlich, sich abends in der Nähe des Kirchturmes aufzuhalten, da die Nachtjäger ihre Brut in Gefahr glaubten und sich auf die Passanten stürzten. Einige sollen leichte Kopfverletzungen davongetragen oder Hut bzw. Mütze verloren haben.

 

Das Mittel- und die beiden kleineren Seitenschiffe, die jeweils eine eigene Außentür besaßen, sowie der Chor der Kirche wiesen zur Burg hin. Von außen wirkte der Bau einfach und schmucklos, das Kircheninnere besaß jedoch eine reichhaltige Ausstattung und teilweise bemalte Wände - ganz ähnlich, wie wir es noch heute in den neugotischen Kirchen etwa in Teveren oder Scherpenseel bewundern können. In den Buntglasfenstern der Seitenschiffe waren die zwölf Apostel - je 6 auf jeder Seite (je 2 in einem Fenster) - dargestellt. Das Buntglasfenster in der Mitte des Chores zeigte u.a. die Gottesmutter mit dem Jesuskind auf ihrem Schoß, vor ihnen vermutlich der hl. Simon Stock abgebildet. Im Chorgestühl nahm an Festtagen mit Prozessionen der Kirchenvorstand Platz, der anschließend den Pfarrer in der Prozession begleitete. Neben dem Chorraum am angrenzenden linken Seitenschiff lag die Sakristei, die eine Außentür besaß. Auf der rechten Seite neben dem Chorraum am angrenzenden Seitenschiff beherbergte ein Abstellraum allerlei Gegenstände. Im Keller der Kirche arbeitete in den Wintermonaten eine mit Kohlenschlamm der Zeche Carl-Alexander befeuerte Heizung. Vor dem Chorraum waren die Kommunionbänke angeordnet, denen sich die Kniebänke der Kinder anschlossen. Zur Predigt bestieg der Pfarrer - vom Eingang aus gesehen vorne links im Hauptschiff vor dem Marienaltar - über eine kleine Wendeltreppe die Kanzel. Sie besaß, einem Baldachin gleich, einen Schalldeckel - den Kanzeldeckel -, den das Bildnis des hl. Geistes in Form einer Taube mit Strahlenkranz zierte. Links des Mittelganges saßen Frauen und (vorne) Mädchen, rechts Männer und (vorne) Jungen. Während die Kinder vorne auf Kniebänken Platz nahmen, befanden sich in der Mitte und hinten Sitzbänke mit Kniegelegenheiten. Den Schwestern des Klosters waren die ersten beiden Kirchenbänke vorne links im Mittelschiff vorbehalten. Dahinter mieteten die Familien Harst (Burg) und Peltzer (Mühle) je eine Bank sowie weitere Privatleute einzelne Plätze. Diese 5 vermieteten Bänke waren mit einem einhängbaren roten Seil am Eingang sowie kleinen Schildern mit den Namen der Mieter versehen. Die übrigen Bänke standen den Gläubigen kostenlos zur Verfügung.

 

Vorne im linken Seitenschiff war der Marienaltar angeordnet, ein Beichtstuhl in der Mitte. Im rechten Seitenschiff hinten ein Antoniusaltar, ein weiterer Beichtstuhl in der Mitte und vorne ein Josefaltar. An den Wänden der beiden Seitenschiffe hingen die Bilder eines gemalten Kreuzweges. Aus Anlass des Skapulierfestes (siehe Titel "Notkirche") errichtete man auf der rechten Seite des Chores einen zusätzlichen großen Marienaltar, reich mit Blumen geschmückt - oft mit einer großen Zahl stark duftender Lilien. Die gesamte zu Weihnachten vorne im rechten Seitenschiff vor dem teilweise abgebauten Josefaltar errichtete Krippe hatte eine Größe von ca. 4 x 4 m in der Fläche und war ca. 3 bis 4 m hoch. Tannenbäume säumten sie rechts und links. Der Aufbau dauerte mindestens 2 bis 4 Wochen. Es wurde u.a. ein Felsmassiv aus einer Holzkonstruktion mit Papier-/Pappoberfläche erstellt. Auf den mitangelegten Wegen wurden zum 6. Januar hin täglich die hl. drei Könige ein Stück näher zur Krippe bewegt. Die großen Gips-Figuren trugen von den Schwestern des Klosters kunstvoll gefertigte Kleidung.

 

Zu Ostern schmückte an gleicher Stelle ein Heiliges Grab die Kirche.

 

Das Taufbecken aus schwarzem Granit mit einem Messingdeckel hatte seinen Platz im rechten Seitenschiff zwischen Josefaltar und Beichtstuhl.

 

Im Kirchturm führte rechts eine Wendeltreppe zur Empore, "Duksal" genannt. Hier stand hoch aufgerichtet in der Mitte - mit der Rückseite zur Wand an der Hauptstraße - die Orgel, die im Jahre 1890 vom Orgelbauer Wendt aus Aachen für 5.200 Mark erworben wurde. Für die in Zahlung gegebene alte Orgel aus dem Jahre 1838 erhielt die Pfarre 900 Mark. Auch die neue Orgel wurde mit einem Blasebalg betrieben, den Messdiener oder Jungen aus der Nachbarschaft (Fam. Eckers) traten. Einige der neben der Orgel befindlichen Sitzplätze konnten (zuletzt für 3,-- Mark pro Jahr) gemietet werden; die übrigen Sitz- und Stehplätze waren den Sängern des Kirchenchores vorbehalten.

 

Diese Kirche, deren Turm im Zweiten Weltkrieg als Beobachtungsposten diente, wurde am 10. November 1944 zerstört. In Ort verbliebene Settericher berichteten, dass der achte Granateinschlag den Kirchturm derart zerstörte, dass die einzige im Turm verbliebene Glocke dumpf tönend auf den Boden schlug. Die folgenden Granatensalven machten die Kirche, auf die sich die Amerikaner eingeschossen hatten, zur Ruine. Nach dem Beschuss sahen die aus dem Bunker der Familie Koch kommenden Settericher von ihrem Kirchturm nur noch eine in den klaren Himmel ragende Säule und brennendes Gebälk auf der Straße. Dach und Seitenwände des Kirchenschiffes füllten als Trümmer den Kirchenraum und boten ein Bild der Verwüstung. An einen Wiederaufbau war nach dem Krieg nicht zu denken, so dass die Ruine ganz abgetragen wurde. Der Rest eines Säulenstumpfes der Kirche diente als Material für eine von der Bildhauerin Elisabeth Schaffrath gestaltet Madonna. Sie fand als zentrale Skulptur Aufstellung in der Marienkapelle im Garten des Krankenhauses St. Josef in Geilenkirchen.

 

Das zwischen Altem Friedhof (im Bereich von dessen heutigem Aufgang) und der Hauptstraße gelegene Jugendheim hatte das gleiche Schicksal ereilt. Es handelte sich um die zweiklassige Katholische Volksschule, die 1911 durch die heutige Andreasschule ersetzt wurde. Hier wohnten seitdem im Obergeschoß die Küster und Organisten. Im Erdgeschoß hatten Jugendheim, Pfarrbücherei und die DJK eine Heimat gefunden. Das alte Pfarrhaus aus dem Jahre 1745, an der Hauptstr. 42 (früher Nr. 23) gelegen, fiel ebenfalls den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges im November 1944 zum Opfer.

 

Die Pfarrgemeinde gehörte von 1925 bis 1957 zum Dekanat Alsdorf.

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